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AUSZEICHNUNGEN „BLINDE FLECKEN“

Im Sommersemester 2020 forschten 27 studentische Arbeiten unter szenografisch-performativen und architektonisch-räumlichen Aspekten an Tatorten des Nationalsozialismus in Mainz. Die beteiligten Studierenden gehören alle einer Generation an, die Erinnerungen an den Nationalsozialismus bei ihren noch lebenden Verwandten erforschen muss und damit selektive Wahrnehmungen aktiv aufbrechen kann.

Die Konnotation von prominenten Mainzer Gebäuden und Plätzen als Sitz von NS-Institutionen, als Gefängnisse oder Deportationsorte als Tatorte offen begangener nationalsozialistischer Verbrechen, ist meistens vor Ort nicht ablesbar, erst recht nicht emotional erfahrbar. Die schon einmal in unserer Gesellschaft zynisch kalkulierte Zerstörung der demokratischen Strukturen und die weitestgehende Durchdringung und Akzeptanz des Faschismus im Alltag gerät so zum (räumlich wie zeitlich) abgeschlossenen und wegrenovierten historischen Ereignis.

Der Brückenschlag mit Hilfe der Tatorte in der Mitte unseres Alltags aus der Geschichte der in diesem Land begangenen Verbrechen im 20. Jahrhundert zu den weltweit sichtbaren aktuellen rechtspopulistischen und faschistischen, Demokratie und Freiheit bedrohenden Tendenzen in unserer Gesellschaft wird so aus Gedankenlosigkeit oder zum Teil aktiv verhindert.

Unterstützt wurden die Projekte durch die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz LpB, das Haus des Erinnerns in Mainz und weitere Mainzer Institutionen und Bürgerinnen und Bürger. 

Jurysitzung im LUX-Pavillon

Im LUX, dem zentralen Ausstellungspavillon der Hochschule Mainz in der Ludwigsstraße, fand – in direkter Nachbarschaft zu gleich mehreren Tatorten – am 7. Juli 2020 eine Jurierung der studentischen Projekte mit allen Beteiligten statt.

Mitglieder der Jury waren Prof. Dr. Regina Stephan (Vizepräsidentin der Hochschule Mainz), Angelika Arenz-Morch (Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Gedenkstätte KZ Osthofen), Dr. Cornelia Dold) Haus des Erinnerns Mainz) sowie die Initiatoren und Betreuer des Projekts BLINDE FLECKEN Prof. Antje Krauter und Prof. Wolf Gutjahr (beide Hochschule Mainz).

Ausgezeichnete Arbeiten

1. Preis architektonischer Raum

»VERSUS«

Zeliha Yüksel

Versus umhüllt das Gebäude der ehemaligen Gestapo-Zentrale in Mainz. Einst stand das Gebäude symbolisch für die grauen Taten, die den Ort charakterisierten. Heute ist es primär die äußere Präsenz, die als freundlich zu beschreiben ist. Obgleich die düstere Geschichte des Ortes nicht vergessen ist, ist ihre Wirkung in der heutigen Demokratie eine andere. Ziel ist es, die paradoxe Wirkung des Ortes im Hinblick auf ihre Vergangenheit und Gegenwart in einem Gegenüberstellungsmoment visuell erlebbar zu machen.

2. Preis architektonischer Raum

»SPUREN IN DIE ZUKUNFT«

Nina Ludwig

Der Deportationsweg, der mitten durch Mainzer Wohnviertel führte, startete an den sogenannten „Sammelstellen” und endete am Güterbahnhof. Diese Strecke soll im heutigen Stadtbild kenntlich gemacht werden. Eine geplante Aktion mit mehreren 100 Menschen soll, im Gedenken an die Opfer, Spuren auf der 2,1 langen Strecke hinterlassen. Zukünftige Generationen werden somit stetig an das Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert und gleichzeitig aufgeklärt.

»RAMPE«

Nina Ludwig

Eine Rampe soll über die noch bestehende alte Rampe einer Lokhalle des alten Mainzer Güterbahnhofs, von wo aus mehrere Deportationen ausgingen, gebaut werden. Direkt gegenüber dem Ort des Schreckens liegt der alte Jüdische Friedhof, der 2021 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt werden soll. Es gilt, diese beiden Orte miteinander zu verbinden und beide Geschichten im Stadtbild präsenter zu machen. Die neue Architektur ist eine Komposition aus Rampen und Stegen, die entlang der Lokhalle auf bis zu sieben Metern Höhe steigt. Beim Begehen der Rampe soll der Besucher durch Materialität und räumliche Länge die Ungewissheit und Angst der Holocaust-Opfer nachempfinden können.

1. Preis szenografisch-performativer Raum

»LICHTSPIELHÄUSER«

Ina Bernsdorf

„Lichtspielhäuser“ ist eine Licht- und Sound-Installation in drei Phasen. Sie macht alle zwölf Lichtspielhäuser der NS-Zeit im aktuellen Stadtbild kenntlich und verweist auf ihre Schlüsselrolle im Propaganda-Apparat des Regimes. Tagsüber dringen Sounds der Deutschen Wochenschau aus den (ehemaligen) Kinos, während abends ein Projectionmapping die alte Fassadenstruktur offenlegt. Eine dritte Ebene verdeutlicht die Kinodichte der damaligen Zeit. Zwei Lichtkanonen neben jedem der Kinos strahlen in den nächtlichen Himmel und bilden gemeinsam einen Lichterdom, der sich über ganz Mainz erstreckt.

2. Preis szenografisch-performativer Raum

»SCHWELLCLUB«

Lukas Kurze

Im Entwurf „Schwellclub“ von Lukas Kurze performen die Mainzer Schwellköppe ihre Erinnerungen an die antisemitischen Texte, die es auch in der Mainzer Fastnacht zur Zeit der NS-Diktatur gab. Seit 1927 laufen sie schon zu allen Fastnachtsterminen auf, sind aber doch vor allem stumme Zeugen. Dieses Zeugnis legen sie jetzt offen: Sie werden am 11.11. zur Kampagnenverkündung am Schillerplatz durch die Menge wanken und stolz ihre Risse zeigen, die die faschistischen Büttenreden an ihnen hinterlassen haben.

Sonderpreis der Hochschule

»IM WEG«

Victoria Klettenhofer

Während der NS-Zeit nahm auch Mainz an den nationalen Bücherverbrennungen teil und inszenierte sie sogar mit einem dramatischen Fackelzug durch die Stadt, der an unserer Hochschule (damaliges Pädagogisches Institut) begann und zum Rathaus führte. Die Zeit verdeckte die Wörter, die Gräueltaten unserer eigenen Studierenden gerieten in Vergessenheit. Der Entwurf soll den Weg des Fackelzugs erlebbar und unumgehbar gestalten und die Mainzer Autorinnen und Autoren samt ihren Werken weiterleben lassen. Symbolisiert durch begrünte Namen, die zum „Feuer“ hin zunehmend gedeihen.

Erwähnung der Jury

»ENGE«

Anastasiya Okshina

In Anastasiya Okshinas Entwurf „ENGE“ geht es um die körperliche Erfahrung von Raum und dem eigenen Körper. Die Installation im ehemaligen Deportationshaus in der Adam-Karrillon-Straße ist ihr abstrahierter Körper. Durch Selbstexperimente von Körper und Raum entwickelte sich eine Installation, die versucht, Platz im Deportationshaus zu finden. Körperteile können den engen Raum nicht mehr aushalten und suchen sich den Weg nach Außen. Besucherinnen und Besucher erfahren die Enge, die sie in den Experimenten erlebte.

Die ursprünglich für November 2020 geplante Ausstellungseröffnung wird verschoben.

Die besten Arbeiten werden nun vom 2. bis 27. März 2021 im LUX Pavillon öffentlich präsentiert. Die Vernissage ist für den 19. März 2021 geplant. Die genaue Uhrzeit wird noch bekanntgegeben. Zur Ausstellung wird ein Katalog erscheinen.

Autoren:
Ina Bernsdorf, Victoria Klettenhofer, Lukas Kurze, Nina Ludwig, Anastasiya Okshina, Zeliha Yüksel, Studiengang Innenarchitektur

Prof. Wolf Gutjahr / Szenografie / Szenischer Raum, Studiengang Innenarchitektur

Prof. Antje Krauter / Konstruktion und Entwurf, Studiengang Innenarchitektur